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Ohne Vorbilder keine Orientierung

Hamburg, 31. Dezember 2017. „Die Jugend von heute liebt den Luxus, hat schlechte Manieren und verachtet die Autorität. Sie widerspricht ihren Eltern, legt die Beine übereinander und tyrannisiert ihre Lehrer.“ Dieses Zitat von dem griechischen Philosophen Sokrates könnte auch aus unserer Zeit stammen. Genau wie damals neigen viele Erwachsene dazu, die Fehler schnell bei den Jugendlichen zu suchen. Aber in Wahrheit handelt es sich doch oft um einen Mangel an positiven Vorbildern. Im Kindesalter sind unsere Vorbilder meist unsere Eltern und älteren Geschwister, ab der Pubertät dann andere Menschen wie prominente Stars oder erfolgreiche Sportler.

Was allerdings passiert, wenn diese Vorbilder ihrer Rolle nicht gerecht werden, kann jeder in den letzten Jahren zum Beispiel beim Essen beobachten. Egal ob beim Frühstück im Hotel oder mittags beim Business Lunch im Restaurant – man hat schnell das Gefühl, dass alles, was man ursprünglich zuhause gelernt hat, nicht mehr gilt. Beide Ellenbogen auf dem Tisch sind normal, mit extrem vollem Mund zu sprechen auch – und selbst das Messer abzulecken scheint inzwischen nicht nur bei Kindern und Jugendlichen alltäglich. Die Annahme, dass Umgangsformen an Bedeutung verlieren, weil ja alles „lockerer“ wird, stimmt nicht. Denn trotzdem beklagen immer mehr Unternehmen mangelnde Manieren bei jungen Leuten im Umgang mit Kunden und Mandanten. Eine gepflegte Erscheinung, höfliche Umgangsformen und angenehme Tischmanieren bei Geschäftsessen werden vom jungen Nachwuchs ebenso erwartet und gefordert wie von Erwachsenen. Die Gesellschaft – Elternhaus, Kindergarten, Schule, Ausbildungsstätte – hat dabei immer noch in allen Entwicklungsphasen eine prägende, motivierende Aufgabe. Gutes Benehmen macht das Miteinander leichter – und sollte von daher früh geübt werden.

Leider fehlt es zunehmend an geeigneten Vorbildern. Denn anders als noch in den 70er Jahren, sind heute in vielen Familien beide Eltern berufstätig und gemeinsame Mahlzeiten Mangelware. Unterschiedliche Arbeits-, Schul- und Hortzeiten machen es schwer, Kindern und Jugendlichen die Basics ästhetischer Tischkultur und wertschätzender Umgangsformen nahezubringen. Vom Fulltime-Job erschöpfte Eltern kochen abends oft nicht mehr, sondern bestellen einfach etwas bei einem Lieferservice und essen die gelieferte Mahlzeit dann direkt aus Pappschachtel oder Styropor-Verpackung vor dem Fernseher. Die ganze Familie mehrmals täglich an einem Tisch – Fehlanzeige. Und sitzen dann tatsächlich einmal alle zusammen beim Essen, gehören die Smartphones vom Tisch verbannt. Es ist immer noch ein Ausdruck mangelnder Wertschätzung, wenn bei einer gemeinsamen Aktivität alle ständig aufs Smartphone gucken, statt miteinander zu reden. Eltern sind auch hier als Vorbild gefragt: Wer selber während der Suppe pausenlos scrollt, bekommt dauersurfenden Nachwuchs.

Wie sollen Kinder und Jugendliche lernen, was sich gehört, wenn Erwachsene fehlen, die Höflichkeit und Respekt vorleben? Wenn weder Eltern noch Erzieher oder Lehrer "Bitte", "Danke" oder "gern geschehen" sagen – wie können wir das dann von jungen Menschen erwarten? Schubsen, drängeln und anderen die Tür vor der Nase zuschlagen empfindet jeder als grob unhöflich – das gehört nicht zur neuen Lockerheit. Sitten und Gebräuche ändern sich – aber es gibt in jeder Zeit Vorbilder, an denen man sich orientiert. Idole und Vorbilder begleiten uns ein Leben lang. Vorbilder sind Figuren, die Werte darstellen. Und ja, es ist schwierig, sich darauf zu einigen, welche Werte das genau sein sollen. Denn die klassischen Vorbilder verschwinden zwischen Fernseh- und Computerbildern. Aber trotzdem gibt es grundlegende Basics im Umgang miteinander, die auch heute noch niemand wirklich missen möchte.

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